Wo Abfälle aus der Papierindustrie die Umwelt verschmutzen

Der Boden in Schönermark, der Filzbach in Sachsen, das Trinkwasser in Mittelbaden – an mehreren Orten in Deutschland verschmutzen Abfälle aus der Papierindustrie die Umwelt. Diese Fälle sind uns bekannt:

Spuckstoffe in Schönermark, Brandenburg

Erst übersahen die Behörden, wie am Rande des Dorfes Schönermark die wohl größte illegale Plastikmüll-Deponie Deutschlands entstand. Dann ließen sie den Müll jahrelang vor sich hinrotten – um jetzt festzustellen: Die Müllberge verseuchen den Boden mit PFAS-Chemikalien.

„Mehrere Prüfwerte für die Einzelparameter PFOS, PFOA und PFNA sowie der Wert für PFHxS wurden im Eluat überschritten“, teilte der für den Bodenschutz zuständige Landkreis Uckermark auf Anfrage von muellrausch.de mit. Die konkreten Untersuchungsergebnisse hat die Behörde trotz mehrfacher Nachfragen bislang nicht herausgegeben.

Höher als die Lichtmasten: die Müllberge in Schönermark (Foto: muellrausch.de)


Das Landesamt für Umwelt (LfU), das die Betreiberfirma „Naturerde Bethke“ und ihre Entsorgungsanlage in Schönermark überwachen sollte, hat lange Zeit keine Gefahr für die Umwelt gesehen. Mittlerweile ist nicht nur klar, dass der Boden bedroht ist. Es gibt auch Hinweise auf die genaue Ursache, wie die Landesbehörde verrät: „Die Schadstoffe könnten aus Abfällen aus der Papierindustrie stammen.“
Bei diesen Abfällen soll es sich um sogenannte Spuckstoffe handeln. Das sind Stoffe wie Textilreste, Plastikstücke, Folien, die sich im Altpapier befinden können und im Recyclingprozess von den Fabriken aussortiert werden. 

Die beiden nächstgelegenen Papierfabriken befinden sich in Schwedt. Sie gehören zur Leipa-Gruppe. Haben sie der „Naturerde Bethke“ Spuckstoffe und andere Abfälle überlassen? „Dazu können wir Ihnen keine Auskunft geben“, so eine Sprecherin der Unternehmensgruppe Ende Februar auf Anfrage von muellrausch.de. Auch andere Fragen ließ sie unbeantwortet.

Auf dem Gelände in Schönermark türmten sich mehr als 60.000 Tonnen Spuckstoffe und anderer Müll. Ein Teil des Mülls wurde laut LfU von einstigen Lieferanten mittlerweile abgefahren. Doch noch immer liegen beträchtliche Mengen vor Ort – und gefährden die Umwelt.

Die für die illegale Ablagerung verantwortliche Person der Firma „Naturerde Bethke“ wurde erst im zurückliegenden Februar vom Amtsgericht Potsdam wegen „vorsätzlichen unerlaubten Betreibens von Anlagen“ zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr verurteilt. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Toxischer Schlamm nah am Trinkwasserschutzgebiet, Sachsen

Auf dem früheren Betriebsgelände einer Kompostfirma im Landkreis Zwickau lagern rund 57.000 Kubikmeter giftige Papierschlämme – in unmittelbarer Nachbarschaft zum Jahnsgrüner Hochmoor und unweit von Sachsens größter Trinkwassertalsperre. Die Entsorgung der Industrieabfälle würde laut sächsischer Landesregierung rund 12 Millionen Euro kosten.

Die Schlämme sind mit PFAS-Chemikalien und hoch-toxischen Cyaniden belastet. Das hat die zuständige Umweltbehörde im Landkreis auf Anfrage bestätigt. Konkrete Messergebnisse aus den Jahren 2021 (pdf) und 2024 hat sie erst auf Antrag nach dem Umweltinformationsgesetz und der Zahlung einer Gebühr herausgegeben. Die Cyanid-Werte allerdings hat sie geschwärzt.

Bei den Abfällen handelt es sich um sogenannte De-Inking-Schlämme, wie sie auch heute noch beim Recycling von Altpapier anfallen. Die Schlämme im Landkreis Zwickau sollen von Papierfabriken bzw. Speditionen aus Sachsen, Bayern, Berlin, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz stammen. Das ist einer Antwort der sächsischen Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Grüne im Dresdner Landtag zu entnehmen. (Drs.-Nr. 8/3971)

Seit rund 30 Jahren lagern die giftigen Schlämme unter freiem Himmel. Die Schadstoffe belasten längst auch den nahegelegenen Filzbach. Das geht aus einer weiteren Antwort der Landesregierung  hervor. (Drs.-Nr.: 8/3301) Demnach wurden Cyanide und die Einzelsubstanz PFOS an mehreren Stellen entlang des Baches nachgewiesen. So auch am Zufluss zu einem Badesee, dem Filzteich. 

Nah am Trinkwasserschutzgebiet (Karte: Landestalsperrenverwaltung/ Montage: muellrausch.de)

Brisant außerdem: Ein Teil des Grundstücks, auf dem die Schlämme lagern, soll laut den Landtagsdokumenten in ein Wasserschutzgebiet aufgenommen werden. Nur knapp anderthalb Kilometer südlich davon befindet sich die Talsperre Eibenstock. Sie stellt Sachsens größtes Trinkwasserreservoir dar. 

Gifte auf den Feldern in Mittelbaden – und im Trinkwasser

Wie dramatisch die Folgen von illegal entsorgten Abfällen aus der Papierindustrie sein können, zeigt sich deutschlandweit nirgendwo so deutlich wie in Mittelbaden. In der Region sind rund 1.100 Hektar Ackerland und circa 170 Millionen Kubikmeter Grundwasser mit PFAS verseucht. Der Landkreis Rastatt, der besonders betroffen ist, macht für die großflächige Belastung einen Komposthersteller verantwortlich.

Der Anfang des Skandals reicht bis ins Jahr 1999 zurück. Da begann eine Kompostfirma damit, Papierschlämme zu verarbeiten. Die Firma vermischte diese Abfälle mit Kompost und ließ sie auf Felder ausbringen – bis zu einer behördlichen Untersagung im Jahr 2008. Über Boden und Grundwasser sollen die PFAS schließlich auch ins Trinkwasser gelangt sein. 

Die Stadtwerke Rastatt haben mittlerweile zwei ihrer Wasserwerke mit Filteranlagen ausgestattet, die die Schadstoffe entfernen. Andere Trinkwasserbrunnen hingegen wurden stillgelegt.
Für einige Menschen in Mittelbaden kommen diese Maßnahmen zu spät. PFAS haben sich in ihren Körpern in hohen Konzentrationen angereichert, wie sich bei Untersuchungen des Landes gezeigt hat.

Strafrechtlich blieb der Fall für alle Beteiligten folgenlos. Welche Rolle die Papierfabriken spielten, liegt bis heute im Dunkeln. 

Die Stadtwerke Rastatt haben die Kompostfirma, die den Fabriken ihre toxischen Schlämme abgenommen hat, auf Schadensersatz in Höhe von 6,5 Millionen Euro verklagt.

Weitere Fälle 

  • Auf einem ehemaligen Militär-Flughafen im brandenburgischen Mühlberg quellen seit Ende der 1990er Jahre massenhaft Spuckstoffe aus ehemaligen Hangars heraus.
  • Im sächsischen Schleben, einem Ortsteil von Mügeln, gab es Anfang der 2000er Jahren Beschwerden wegen stinkender Mülltransporte zu einem landwirtschaftlichen Silo. Seitdem rotten dort tausende Tonnen Papierschlamm und Spuckstoffe vor sich hin.
  • In Mirow, Mecklenburg-Vorpommern, lagern seit mehr als drei Jahrzehnten knapp 50.000 Tonnen Müll aus der Papierindustrie. 

Früher durften Spuckstoffe und Schlämme aus der Papierindustrie auf regulären Deponien abgelagert werden. Seit 2005 ist diese Praxis in Deutschland gesetzlich verboten.
Die fachgerechte Entsorgung erfolgt heute in aller Regel in Verbrennungsanlagen, beispielsweise in den bis zu 1200 Grad heißen Öfen der Zementindustrie.
Papierschlämme, die nicht aus dem Recycling von Altpapier stammen, dürfen nach Düngemittelverordnung für die Herstellung von Kultursubstraten und Düngemitteln eingesetzt werden.


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