S.D.R. Biotec – Der Prozess (Tag 2): Nicht nur der Müll, auch das Arbeitsklima war offenbar vergiftet

Toxische Inhalte: Die Gerichtsakten im Strafverfahren gegen den Ex-Chef der nordsächsischen Giftmüllfirma S.D.R. Biotec. Foto: M. Billig

Ursprünglich war er selbst angeklagt. Gegen eine Geldauflage in Höhe von 10.000 Euro wurde sein Verfahren eingestellt. Am Mittwoch (8.11.) musste der ehemalige Abfallbeauftrage H. der Giftmüllfirma S.D.R. Biotec dennoch im Gerichtssaal in Leipzig erscheinen – als Zeuge im Strafprozess gegen seinen ehemaligen Chef.

Als Abfallbeauftragter und zuständig für Entsorgungsnachweise und Begleitpapiere kam H. eine wichtige Rolle im Unternehmen zu. Wie  der Angeklagte Jörg S. am ersten Verhandlungstag vor einer Woche bestritt auch er, dass die S.D.R. Biotec mit Furanen und Dioxinen belasteten Giftmüll angenommen habe. Den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, Abfälle seien unbehandelt auf Deponien verbracht worden, wies er ebenfalls zurück.

In diesen Anklagepunkten gab es auch mit den vier anderen Zeugen des zweiten Verhandlungstages am Landgericht Leipzig kein Vorwärtskommen. Sie alle haben zum engsten Mitarbeiterkreis von Jörg S. und damit zur Führungsebene der S.D.R. Biotec gehört. Dazu zählen die Ehefrau des Angeklagten und seine beiden Schwiegersöhne.

Bis auf die Aussage der Gattin, dass sie nur auf dem Papier die Laborchefin der Firma gewesen sei, konnten ihnen keine verräterischen Details entlockt werden.

Die entscheidenden Zeugen kommen noch

Heikel wird es für Jörg S. erst, wenn seine ehemaligen Arbeiter aus dem Anlagenbereich in den Zeugenstand gerufen werden. Unter ihnen sind welche, die ihren alten Chef bereits im Zuge der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen belastet haben. Das geht aus den Fragen und Anmerkungen hervor, die der Vorsitzende Richter am zweiten Verhandlungstag von sich gab. Die Behauptung etwa, dass mit Schadstoffen belastete Abfälle angenommen und ohne Behandlung auf Deponien abgelagert wurden, geht offensichtlich auf diese Mitarbeiter zurück. Sie sind damit – neben dem Sachverständigen Werner Bidlingmaier – wichtige Zeugen für die Anklage.

Brisant ist noch eine andere Aussage. Diese kommt von Hans-Peter R., dem zweiten Ex-Chef der S.D.R. Biotec. Auch er ist angeklagt gewesen. Auch sein Verfahren wurde gegen Geldauflage eingestellt. Und auch er wird noch im Zeugenstand erwartet.

Schriftlich hat sich R. aber schon eingelassen. Der Vorsitzende Richter trug am Mittwoch aus dieser Einlassung vor. Besonders bemerkenswert fand er eine Betriebsanweisung, die R. im Februar 2011 an den Abfallbeauftragten H. gerichtet haben will. Darin heißt es, dass die Verbringung von unbehandelten gefährlichen Abfällen auf Deponien sofort zu unterbinden sei. „Wenn alle gefährlichen Abfälle behandelt wurden, warum bedurfte es dann so einer Anweisung“, fragte der Richter den Zeugen H.. Der zuckte mit den Schultern und sagte, dass er sich an diese Anweisung nicht erinnern könne.

Zeuge berichtet von aggressiven Mitarbeitern

Nicht nur der Müll, sondern auch das Arbeitsklima im Unternehmen S.D.R. Biotec soll vergiftet gewesen sein. Daran hatte H. am Mittwoch gute Erinnerungen. Er erzählte dem Gericht von seinem „gespannten Verhältnis“ zu den Anlagenmitarbeitern. „Es kam zu Beschimpfungen bis hin zur Androhung von Schlägen“, sagte er. Ein Mitarbeiter sei besonders negativ aufgefallen. Dieser habe wiederholt das Rauchverbot im Anlagenbereich missachtet. Auch mit Alkohol soll es Probleme gegeben haben, wie H. weiter berichtete, ohne jedoch näher darauf einzugehen.

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, warum dieser Mitarbeiter nicht entlassen wurde, wusste der Zeuge zunächst keine Antwort. Um dann zu sagen: Dass das nicht seine Aufgabe gewesen sei. Er habe die Vorfälle dem Chef gemeldet. Mehr nicht. Der habe die Mitarbeiter vor versammelter Belegschaft „gemaßregelt“. Entlassen wurde seines Wissens aber niemand.

„Wenn jemand gekündigt worden wäre, hätte der dann vielleicht sagen können, was in der Firma schief läuft“, hakte der Richter nach. „Das kann ich mir nicht vorstellen“, entgegnete der Zeuge.

Rund eine Million Tonnen Industrieabfälle wurden durch die Anlage der S.D:R. Biotec geschleust. Foto: Bürgerverein „Sauberes Delitzsch“

„War es ein Problem, dass Sie der Schwiegersohn vom Chef waren?“, wollte der Richter dann von einem der beiden Schwiegersöhne wissen. „Für mich nicht, für manche Mitarbeiter schon“, sagte der und berichtete außerdem von Neid und Missgunst im Unternehmen. So sollen Mitarbeiter sich darüber beschwert haben, dass sie angeblich mehr arbeiteten als der Chef, der sich schon wieder ein neues Auto leistete. Die direkte Konfrontation sollen sie aber gemieden haben. „Auf der täglichen Betriebsversammlung gab keiner auch nur einen Mucks von sich“, so der Schwiegersohn.

An den nächsten Verhandlungstagen werden die ehemaligen Arbeiter des Anlagenbereichs zu Wort kommen. Von ihnen soll es nicht nur Beschwerden und belastende Aussagen, sondern laut dem Gericht auch Handyaufnahmen aus dem Innern des Giftmüllbetriebes geben.